Die Niederen Beskiden (Beskid Niski) gehören zu unseren liebsten Gebirgsregionen in Polen. Zwar findet man hier weder die hohen, schroffen Gipfel der Tatra noch die weitläufigen Bergwiesen (Poloniny) des Bieszczady-Gebirges oder die imposanten Wasserfälle des Riesengebirges (Karkonosze). Dafür besitzen die Niederen Beskiden eine ganz eigene, besondere Atmosphäre – eine Mischung aus Ruhe, Weite, unberührter Natur und bewegter Geschichte. In diese Landschaft haben wir uns bereits bei unserem ersten Besuch im Jahr 2016 verliebt.
Die Niederen Beskiden erstrecken sich zwischen dem Sadecki-Beskid (Beskid Sadecki) im Westen und dem Bieszczady-Gebirge im Osten. Im Norden gehen sie in eine malerische Hügellandschaft über. Die Region liegt in den Woiwodschaften Kleinpolen (Malopolskie) und Karpatenvorland (Podkarpackie); ihr südlicher Teil reicht bis in die Slowakei.
Wer die Niederen Beskiden wirklich verstehen möchte, sollte ihre Geschichte kennen. Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Region vor allem von Lemken bewohnt. Die Dörfer waren damals deutlich dichter besiedelt als heute, gleichzeitig war das Leben für die Bevölkerung hart und von Armut geprägt. Touristisch galt die Gegend lange als wenig attraktiv.
Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich das Bild der Region grundlegend. Im Zuge der politischen Neuordnung Europas kam es zu weitreichenden Umsiedlungen. Viele Lemken wurden in die Sowjetunion deportiert; später wurden im Rahmen der Aktion „Weichsel“ (Akcja „Wisla) weitere Menschen zwangsweise aus ihrer Heimat umgesiedelt. Ganze Dörfer verschwanden dadurch innerhalb weniger Jahre.
An die Stelle vieler ehemaliger Siedlungen traten großflächige staatliche Landwirtschaftsbetriebe (PGR), die vor allem Rinder und Schafe hielten. Andere Flächen wurden nicht mehr bewirtschaftet und nach und nach von der Natur zurückerobert. Heute zeugen Orte wie Nieznajowa oder die verlassenen Siedlungsgebiete von Ciechania und Zydowskie im Magura-Nationalpark von dieser bewegten Vergangenheit.
Auch zwei weitere Entwicklungen haben die Geschichte der Niederen Beskiden entscheidend geprägt: die Entstehung und Entwicklung der Erdölindustrie im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie die schweren Kämpfe des Ersten Weltkriegs. Auf beide Themen werden wir im weiteren Verlauf unseres Reiseführers noch ausführlicher eingehen.
Heute sind es vor allem die weitläufigen Wälder, sanften Bergzüge und die außergewöhnliche Ruhe, die den Reiz der Niederen Beskiden ausmachen. Viele Besucher sind der Meinung, dass man hier sogar noch mehr Abgeschiedenheit und Ruhe erleben kann als im Bieszczady-Gebirge.
Ein besonderes kulturelles Erbe der Region sind die wunderschönen hölzernen orthodoxen Kirchen (Cerkiew), die von der lemkischen Bevölkerung errichtet wurden. Sie gehören zu den eindrucksvollsten Zeugnissen der Geschichte und Kultur der Niederen Beskiden.
Historische katholische Kirchen findet man dagegen vor allem im Übergangsbereich zwischen den Beskiden und dem nördlich gelegenen Vorland – also in Gebieten, die traditionell stärker von der polnischen Bevölkerung geprägt waren.
Leider ist die Besichtigung des Kircheninneren nicht immer problemlos möglich. Häufig hängt der Zugang von der Verfügbarkeit lokaler Führer ab, deren Tätigkeit aus Mitteln der Woiwodschaft finanziert wird.
Der Magura-Nationalpark gehört zu den jüngeren Nationalparks Polens. Er wurde 1994 gegründet, um die wertvolle karpatische Natur zu schützen. Eine besondere Rolle spielen dabei die ausgedehnten Buchenwälder, die große Teile der höheren Berglagen bedecken.
Die meisten Wanderwege befinden sich im nördlichen Teil des Parks. Zu den bekanntesten Natursehenswürdigkeiten gehören der Magura-Wasserfall, der als größter Wasserfall der Niederen Beskiden gilt, sowie der Diabli Kamien („Teufelsstein“). Die markanten Felsformationen liegen am beliebten Naturlehrpfad „Folusz“ und lassen sich gut mit einer Wanderung verbinden.
Wysowa-Zdrój ist ein kleiner, ruhiger Kurort und vor allem für seine zahlreichen Mineralquellen bekannt. Gleichzeitig eignet sich der Ort hervorragend als Ausgangspunkt, um den südwestlichen Teil der Niederen Beskiden zu erkunden.
Bei einem Besuch lohnt sich ein Spaziergang durch den Kurpark, am besten verbunden mit einer Verkostung der berühmten Heilwässer. Sehenswert sind außerdem die historische Holzkirche und die orthodoxe Kirche.
Wer etwas mehr Zeit mitbringt, sollte auch den Jawor besteigen. Der Berg gilt sowohl für orthodoxe als auch für griechisch-katholische Gläubige als heiliger Ort und ist daher nicht nur landschaftlich, sondern auch kulturell von besonderer Bedeutung.
Am nördlichen Rand der Niederen Beskiden liegt Gorlice, das sich hervorragend als Ausgangspunkt für die Erkundung der Region eignet. Doch auch die Stadt selbst hat einiges zu bieten.
Gorlice ist eng mit der Geschichte der Erdölförderung und -verarbeitung verbunden. Hier entwickelte sich im 19. Jahrhundert eine der frühen Erdölregionen Europas. Gleichzeitig wurde die Stadt durch die Schlacht bei Gorlice im Jahr 1915 bekannt. Die sogenannte Gorlice-Tarnów-Offensive gilt als einer der bedeutendsten Wendepunkte an der Ostfront des Ersten Weltkriegs.
Eine der neueren Attraktionen der Niederen Beskiden ist der Aussichtsturm auf dem Gipfel der Lysula (551 m ü. d. M.). Der Turm wurde 2024 eröffnet und erfreute sich schnell großer Beliebtheit.
Der Grund dafür ist nicht nur die schöne Aussicht über die umliegenden Berge und Täler. Für einen besonderen Adrenalinkick sorgt eine 56 Meter lange Rutsche, die direkt vom höchsten Punkt des Turms hinunterführt.
Damit verbindet die Lysula zwei Dinge, die für die Niederen Beskiden typisch sind: eindrucksvolle Landschaften und überraschende Erlebnisse abseits der großen Touristenströme.